Fortsetzung

Herumwundernde

Geht es denn nun endlich mal richtig los?“, entwich irgendwem etwas. „Ich hoffe es, denn …“

In den Ausführungen seines Anfangs schwelgend, sponn ein Leitfaden seinen Weg entlang des großen Samantay, der Magistrale.

Dem Überalleshin-Weg.

Gleis des Lebens.

Natürlich auch Wegführweg.

Weg von hier.

Werweißwohin.

Er ist gleichsam eine Brücke über allem; über allem, was Welt ist.

Der Samantay nahm Ausschau haltend zwei Herumwundernde ins Visier.  Traf unvermeidlich auf zwei sphärische Wesen. Eins davon war solide und glänzend, ein vollkommener Hyalit. Eine gläserne Kugel, um genau zu sein. Noch genauer, eine Glasmurmel, pfirsichgroß, kristallen schillernd. Das andere Rundgebilde kam herangeflockt als schlichte Sprechblase aus Seifenschaum. Eine Seifenblase also,  mit stabiler Hülle, welche auf Druck beeindruckend verschwand. Und so wieder entstand. Glänzend auch sie, zudem perlmuttbunt schimmernd.

Beide ähnelten einander durch ihr Gleichgroßsein und – ihre Schwatzhaftigkeit.

Erzählten die doch miteinander, einander aus unsichtbaren Mündern unaufhörlich! Seifig blubbernd die Schaumblase und – ganz klar – gläsern klickernd die Murmel.

Man sprach schon seit geraumer Zeit von und über Zeit und Raum und was dazwischen so lag. Und drumrum so rumorte. Man sprach meist in leiser Weise.

Waren das zwei Weise, die beiden? Sie hielten sich zumindest dafür. Denn anscheinend handelte es sich um Klugkugeln, genauer gesagt: zwei neunmalkluge Kugeln.  Bisweilen zänkisch.

Neunmalklug? Wie recht Du hast, ich bin mindestens neunmal so klug wie Du!“

Das war einmal! Ich meine: Es war einmal,…“

Derart und ähnlich wollten sie erzählen, vorliebig Märchen.

Wollten sie. Mussten sie sogar. Ein Auftrag brannte!  Ein Märchen sollte unbedingt auf den Weg gebracht werden.  Und zwar bald. Aus eiligen Gründen…

Aber bald waren sie einander gar nicht mehr grün!

Und verflixt, es war nicht einfach, es war einfach nicht zu schaffen, denn: es kamen nur Anfänge heraus!  Es gelang den wunderweisen Kugeldichtern nicht, über den Anfang hinaus zu kommen:

Einmal! Was war denn einmal?“

Na ES!! ES war einmal.“

Einmal? Wieso nur EINMAL? Also sag schon: einmal, oder nicht doch lieber wenigstens – zweimal?“

Nun, wenn Du so fragst, ich würde sogar sagen: dreimal. Denn der Dinge sind stets drei. Das Eine, das Andere – und das Dazwischen. Alle drei sind gleichwertig…“

Da saßen also die Zwei am Vorweg, dem großen Überalleshin-Weg Samantay, der eigentlich der Weg des Mädchens war, auf das hier sehnlichst gewartet wurde. Des Mädchens, das immer noch irgendwo in der Zeit verschwunden blieb. Oder aus der Zeit?

Alles halb so wild. Kommt Rat kommt Zeit.  In naher Zeit wird sie hier ankommen. Um endlich abfahren zu können.“

Na weißt Du! Ankommen, um abzufahren. Wird das denn der Richtigkeit gerecht? Das Ankommen und Abfahren, das Erscheinen und wieder Verschwinden, das macht doch jeder immer mal!  Erst kommen wir an, und irgend wann ist es wieder Zeit, abzufahren.“

Bei ihr verhält es sich bisschen anders. Sie erscheint nicht, um zu verschwinden, sondern  zur Abfahrt, um an ihrem Lehrgang teilzunehmen. Pardon, an ihrer Lehrfahrt, oder sollten wir Lehrflug sagen? Du bist doch hier der Ausdrucksexperte! Hey, äußere dich!“

Äußern, äußern. Ich bin schon ganz außer mir. Besser sollten wir erst einmal ins Innere gehen, denn von dort kommt doch bekanntlich alles, worauf es ankommt. Die innere Einkehr hilft immer!“

Also, ab ins Innere. Aber auch das Innere des Außen! Ins Innere des urgroßen Waldes der Weisheit.  Dort wurde weiter ungeduldig ausgeharrt.

Die Hübsche lässt aber auch auf sich warten.“

Kein Wunder, ist die überhaupt schon geboren?“

Ein gewaltiger Schrecken fuhr den Kugelklugen durchs Gemüt.

Wie bitte??? Haben wir das etwa vergessen beim Märchenanfang? Na, da können wir lange warten! Jetzt wird es aber Zeit!“

Zeit. Zeit. Welche Zeit wird es denn, welche von den vielen Zeiten? Jetztzeit? Vorzeit? Nachttzeit? Tagzeit? Endzeit? Anfangszeit? Letztere wohl im Moment. Also fang schon an, erzähl, dass wir endlich erfahren, was es mit der Kleinen auf sich hat!“

Und die Seifenblase holte Luft, schwoll und hob an:

Es war einmal. Und es war einmalig! Unvergleichlich! So wie eben alles einmalig ist. Nichts auf dieser Welt gibt es zweimal. Und wenn es sich nur vom Ort seines Daseins unterscheidet und vom Zeitpunkt seines Geschehens, alles …“.  Geschehenes sei nicht wieder herholbar. Nur wiederholbar.

Beinahe wurde die Seifbläserne vom gläsernen Gähnen getilgt.  Du wiederholst Dich, Seiferchen. Das war Anfang Nummer tausendhundertweißnichtwas!  Wann geht das Märchen wirklich los?“

Wieder ein Luftholen, wieder ein Schwillen und Anheben.

Ist gut, ich versuch’s nochmal, aber es fällt mir so unsäglich schwer. Nun, gleichwohl, ich fange an:  Es war einmal. Es muss einmal gewesen sein. Es muss das einmal gegeben haben. Das, ohne das es alles andere nicht geben kann…

Ohne was?“

Ohne den Anfang allen Bewegens, besser: das Ende oder Aufhören der >Urruhe<!

Es hört nicht auf, verursacht auch Unruhe. Denn die Ursache lässt die Dinge aufgrund ihrer Bedingung bedingungslos ge- …“

Die von der feuchten Sprechkunst dunstbeschlagene Glaskugel kam ins Trudeln.

Weißt Du, liebe Seifenblase, alle Deine schönen Anfänge in Ehren, aber das wird nun allmählich zuviel! Wer soll das kapieren. Weißt Du überhaupt, was Du da verlautbaren lässt? Komm doch bitte auf den Punkt!“

Zum Donner! Ruhe! Gerade war ich dem ganz nahe, habe ich einen so perfekten Text geformt und Du machst alles wieder zunichte!! So werde ich nie fertig!“

Sag ich doch, sag ich doch! Sag ich immer: das wird so nie fertig!“

Tiefes Luftholen ließ die Seifenblase beachtlich umfangreicher werden, auch im wörtlichen Ausholen.

Also gut: Ich versuch’s von einer anderen Seite her nochmal.

Es war einmal.

Es war einmal dieses Zeitalter, welches es so noch nie gab, und auch niemals auch nur annähernd noch einmal so geben kann, da es bewiesen ist, dass…“

ZZZZZZZZZZZschschschsch.

Ein Zischen brachte die aufgeblasene Seifenkugel zum Erbeben und Verstummen. Denn da kam – quasi aus dem Nichts – ein unförmiges, spitzbübisches Riesenkerlchen rein zufällig über ‘n Drüberhin-Weg gefegt.

Ein gewisser Jemand war er nur, ein Quidam eben, doch ein berüchtigter surreal angehauchter Dichter. Kahlköpfig, von gedrungen pyknischer Statur eines vollgestopften Seesacks und auf groteske Art nicht so ganz fertig gebaut.

Kam ihm einer seiner nur schemenhaft anhaftenden Körperteile kurzzeitig abhanden, dann fiel er, und schlug Kabolz, verlor sich, fand sich aber gleich wieder. Und ausgerechnet dieser Geselle erzählte brummstimmig aus dem Bauch heraus seine Variante des Märchens:

Hier stehen wir am Überalleshin-Weg >Samantay<; und da ist er, der Eingang zum mächtigen Wald der Welten, der in sich und aus sich tief gründunkelsaftig strotzt. Aus wuchtigem Erdenrund. Mit der Zeit und den Elementen der Natur als Baumeister.

Jenem Eingang, der fleht, endlich einzutreten!

Versuchst Du das Erflehte aber, merkst Du, wie es schleichend immer schwerer wird, sogar unmöglich scheint, ihn zu passieren.

Diesen doch so einladenden, so ausladend weiten und breiten Eingang.

Es liegt am Denken, sagt man, es liegt am zuviel Abwägen, am Festhalten, am Nichtfließenlassenkönnen, am Zweifeln und am Hadern.

Nur, so kommt man niemals hinein in dies weite Paradies der Geborgenheit, der Sicherheit des Menschen in sich selbst, der es geschafft hat, diesen Wald endlich zu betreten und zu durchschreiten.

Abwerfen sollst Du alle Zweifelschranken und dann hinein mit Dir! Mit ehrfürchtigem Blick ins Saftgrün sollst Du nun einherstiefeln, unter jahrtausendalten riesigen Baumhirschen, die ihre hölzerne Geweihkronen als Wurzeln in den Himmel schlagen und die Höhe der Denktiefe versinnbildlichen:

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Fortsetzung

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