Ab 01.01.2011 Vorabdruck in Teilen, in loser Reihenfolge:
Roman von Sophie Gabriel
Sâmua Nava
Sinnlich-surreale Märchen-Message an Erwachsene
Teil 1
Renaissantesque
Mittag war‘s.
Es war einmal, geträumt oder real, eine liebe Seelenrose, ein Mädchen der offenen, hoffenden Zeit.
Die vor ihr lag wie Meer.
Und die Sonne stand im Zenit. Und Sâmua schattenlos im Glutsand.
Perlmutten schimmernd die Haut, voller kleiner dunkler Perlen im ebenholzschwarzen Haar. Ihre Augen hellwach, konzentriert, scharf blitzend in türkis.
Sie atmete laue meerweite Brise und tänzelte ein bisschen, denn der Boden war glühend heiß an ihren nackten Füßen. Diese Tatsache konnte hilfreich sein bei der Entscheidung.
Wo sie doch immer noch so unschlüssig war!
Sollte, konnte sie hier bleiben?
Sie bemerkte, wie das Meer zwischen den beiden Rotsandsteinsäulen aufs Trockene hereinzüngelte, als wollte es Bodenstaub lecken, etwas mitnehmen vom Land. Und es brachte abermals etwas mit.
Diesmal ein zierliches gläsernes Boot, das vor ihrer Nase lustig schaukelte und im Meerschaum plätscherte.
Sâmua hob den Fuß und setzte ihn in das vollkommen transparente Etwas. Diese klare Kühle an Zehen und Ballen, die Glätte und sanftes Wiegen taten äußerst wohl. Zumal der lupenhaft vergrößerte Zublick auf die Unterwasserwelt, eine lockende Schau!
Schon wollte sie den anderen Fuß ins Gefährt nachziehen, als ihr wieder die Bedenken in den Kopf schossen: Stürme, Wogen, Kälte, große Meerestiere, gar Piraten oder sonstiges Unbill, damit musste Sâmua rechnen, falls sie solch ungesichertes Reisen wagte.
Doch hier?
Sie sah sich um: Sandwüste, baufällige Gemäuer, Glühstürme, Dürre, ein so gut wie verlorener Kampf ums Leben, vor allem ihr eigenes.
Zwar war das blinde Gewohnheit geworden, alles, eben auch das Gnadenlose, alles Piesacken, alles Bittere, alles war ihr verdammt vertraut.
Aber – deshalb in Staub und Asche weitermachen? Nur weil es immer so war?
Nein. Schluss. Weg hier. Jetzt.
Sie ließ sich ins Boot gleiten, stieß ab und war sofort in taumelnder Bewegung.
„Lieber hinsetzen,“ dachte sie und die schmeichelnde Erfrischung an Po und Beinen war so gut, dass sie sich auf den Bauch legte, um ihn zu kühlen und zugleich unter sich in die fremde farbenreiche Landschaft der Welt des Ozeans sehen zu können.
Selbst in schon beachtlicher Tiefe war das Wasser noch glasklar und bot gestochen scharf seinen Schatz an üppiger Wesensvielfalt zur Betrachtung dar: bunten Grund, mit Korallen und blumigen Quallen, mit Fischen, Kraken, Anemonen, und so fort. Alles in Szene, teils schwebend teils zuckend teils regungslos.
Sâmua schaute und staunte, bis ihr die Lider schwer wurden. Sie lächelte in sich hinein.
„Vom Beginn zu träumen, wünsch ich mir!“
Als eine Stimme halb flüsternd fragte: „Als Anfängerin, oder Anfangende?“, war sie schon eingedöst.
Und während das Bötchen schwankte und auf den Wogen glitt, sank das Perlmuttmädchen in einen satten Schlaf, satt an wirrem Geträum und selten erlebten Tiefen.
Indes war Nacht geworden.
Nicht zappendustere jedoch, sondern dunkel funkelnde Prachtnacht. Worüber Sâmua nicht wenig erschrak beim Erwachen.
Immer noch oder wieder bäuchlings ausgestreckt, sah sie unter sich statt Seetiervariationen und Korallenoptik nur brillanten blinkende Pünktchen. Und die waren nicht nur unten, auch um sie herum und über ihr. War sie doch gleichsam inmitten von – Sternen! Die im Wasser waren das Spiegelbild des Sternenhimmels über ihr, oder um sie herum?
Irrtum! Bei genauem Betrachten wurde sie gewahr, dass sie mit ihrer Glasdschunke hinaus bis ins Weltall geglitten sein musste.
Dass das ja nur noch geträumt sein könne, war sich Sâmua sicher und schloss die Lider wieder.
Eine neue Sequenz erschien ihr. Völlig andere Gegend, anderes Klima, andere Stimmung:
In knirschender Januarkälte drückten sich am Eingang zu einem langbäumigen Allstadtwald ein paar niedrige, dickbuckelige Backsteinhäuschen aneinander warm.
Eines davon bewohnten Frischvermählte. Der Hausherr war gerade beim Holznachholen, als ihm eine perlmuttfarbene, dicke Schneeflocke auf der Nasenspitze landete.
Er beobachtete schielend den Tauprozess, da rief es lockend aus dem Haus. Die blühglühende Braut schlug vor, ihren eindringlichen Eingebungen zu gehorchen. Etwas ließe sich hören, orakelte sie.
Sie habe ein Geschenk zu empfangen, versprach es.
Aber nur, wenn sie schleunigst „ihren Gatten ins Gemach führen würde“, hieß es.
„Um ihre kostbaren Ingredienzen mit den seinen verschmelzen zu lassen“, gebot es.
Und Frau und Mann verfielen dem Bann, der bewirkte, dass allem allzu gern Folge geleistet wurde.
Und, kaum ineinander bewegt was zueinander gehört, gipfelte sich Verzück in Erfolg.
Der recht regsam lebendig zu pulsen begann.
Ein Neugeschöpf! Aus Miteinander!
*
Mitternacht war ‘s
Als das kostbar befrachtete Meeresmobil – gelandet, oder gestrandet – angekommen war, in nie gesehenem Weichland. Sammetrot und feuchtsüß. Und wurde selbst so weich, dass es sich einfach auflöste.
Als die weitgereiste hübsche Perle davon erwachte, war sie entzückt von ihrer Umgebung, vermisste ihr Reisebehältnis nicht im geringsten. Und wusste, dass alles neu und anders, dass auch sie ganz neu war. So rundum frei! Und gleichzeitig in gänzlicher Geborgenheit.
Das war nur seltsam, komisch – kosmisch eben!
Sie versuchte, sich einen Reim zu machen auf all das. Bloß in seltsamem Gesäusel kräuselten und äußerten sich ihre Gedanken. Was spukte da im Bewusstsein? Was spuckte das Hirn da aus? Kam das überhaupt aus dem Kopfhirn, oder gar dem Bauch?
„Ich komme aus dem Meer, aus dem Traum, aus dem All?
Bin aus Salz, aus Wasser, aus Kristall?
In dieser gnadenvollen Ungekanntheit genieße ich
Geborgenheit im Dunkeln,
erhabenen Schutz durch Kleinsein.
Im dunklen wogigen Weich einer Perlmuttermuschel, königlich!
Werde gewiegt und bin gewärmt!
Wie wohl mir zumute ist! Quietschen möcht ich!
Hier bleibe ich! —“
Nun, ein dreiviertel Jahr durfte die Bewohnerin das auch. Raum war zwar stetig enger, aber sie war bescheiden. Wollte nur langmöglichst auskosten, inwändig zu sein. Kam gar nicht auf die Idee, mal hinaus zu müssen, oder?
„Noch bin ich hier in dieser kuscheligen Kuhle … noch! Von draußen quellen Töne herein. Mein Name taucht plötzlich öfter auf; es gibt mich nicht mehr nur für mich, auch für Euch! Ihr werdet mich kennen, werdet mich sehen.
Irgend etwas drängt und drängelt, mich zu zeigen.
Ich muss dieses vertraute Plätzchen, diese heimelige Höhle nun bald verlassen, werde bereits erwartet.“
Herbst war es noch nicht richtig, Sommer nicht mehr ganz, als sich am Ende des schwülen Nachmittags ein unausweichliches Ereignis ankündigte. Das Gewitter kam, nach langer Dürre, wie stets ohne Geduld aus der Ferne herangeraunt und herbeigekeucht. Ohne Rücksicht auf die, die sich vor ihm ängstigten.
Mit so ziemlich allen Wettereien, die ihr zur Verfügung standen, sprach Mutter Natur in die vermeintliche Sicherheit der Irdischen ein markerschütterndes Machtwort. Als werde zurecht gerückt, wer das wahre Sagen hat und stets behalten wird.
Donnertrommeln polterten mit einer machtschweren Würde, die jedem Wesen Respekt abforderte.
Wissend, was sich ziemte, hieß es, Unwettereien seien zu achten. Von Tieren und Menschen, selbst den Pflanzen, so den Blumen , welche ihre Kelche schutzbeflissen schlossen, wie es sich gehörte.
Verharren, das Tun ruhen lassen, warten. Ganz still halten. Wer wollte, durfte um Gnade bitten. Alles andere sollte vermieden werden.
Und da! Gleißend grelle Blitzadern mäanderten zuckend über die ehrfürchtig harrende Welt, als bei der werdenden Mutter erste Wehen einsetzten. Sie krümmte sich und hoffte. Schaffte schwer, schnaufte und troff vor Hitze. Doch das Kindlein hatte Zeit.
Welch Erlösung brachte da wenigstens draußen ein üppiger, ersehnter Wolkenerguss. Große schwere Regenfäden tränkten ergiebig Erde, Stein, Sand und Grün. Benetzten, durchnässten und durchweichten plätschernd mit lustvoller Inbesitznahme alles sich Darbietende.
Tropfentanz gluckste auf den ebenen, eben gerade noch staubig gewesenen Flächen.
Verdurstende Erde wurde reich getränkt, erquickt, schwammig triefend lehmschmierig eingefeuchtet, bis sie zu duften begann.
Am nahegelegenen Grünsee hieben die wassertragenden Winde tobend die Wellen ineinander. Sturm und Regen trieben ein Spiel, maßen einander im regellosen Kampf. Wer wohl wen womit peitschte?
*
Schließlich wurde das schwere Sturmschnauben sanfter. Kalter Nachgeruch hing in der Luft, klamm, schon fast ein wenig wie Herbsthauch.
Von getaner Arbeit entkräftet, verzog sich die ausgewitterte Gewölkschaft tropfenden, na eher fließenden Gewandes und mit letztem Grummeln und Hüsteln dahin.
Und gemäß der Naturmoral erleuchtete jetzt dort, von wo vorhin das finstere Ungetüm gekommen war, schon wieder ein Aufatmen aus Sonnenschein das gewaschene Land. Wie ein erstes Wiederlächeln auf noch tränennassen Gesicht.
Das kindliche Wettergesicht sich selbst tröstender, liebender Natur. Eben noch rücksichtslos “böse” das Erdbild zerschrubbt, schmeichelte sie jetzt den Sinnen!
Was sie auch tut: Sie kann ja nicht anders! Unsere Natur ergeht sich einfach nur in sich. Gerät auch außer sich, eben durch auswirkende Ursachen. Und kann zudem – oder dadurch – äußerst pittoreske Bühnenbilder erschaffen. Hier zum Beispiel, für den großen Auftritt des erwarteten Kindes, überbot sich die naturne Künstlerin: Fügte zu, gab hin, nahm weg, legte nach, und setzte gewagt einen Effekt nach dem andern ein:
Ein Nebelzelt in Perlmutt! Denn Dampf aus benetzten Ackerböden, Lehmfeldern, Pflanzenreichen und noch sommerwarmen Steinen erhob sich: zum sonnendurchwirkten Dunsttuch.
Welchem darauf Regenbögen entstiegen, einer über dem anderen. Sie spannten sich krönend über die ganze, in Schleier gebettete Szene.
Die wetterne Requisite hatte scheinbar alles auszupacken, was sie fand.
Nun fehlte nur, dass es noch schneite! Und selbst das geschah!
Immerhin war früher Herbst.
Aber ein Erschaudern bot sich dem, der den Schlussakt des Glanzstückes betrachten und wahrnehmen durfte:
Pulvriger, aquamarinfarbener Schnee begann, alle Formen brillantstauben schimmernd zu kontrastieren. Das unwirklich wirkende Szenario eines Frühherbstdraußens vollendend.
Und das Baby? Das zeigte sich vom Theater der Wetterdarsteller unbeeindruckt. Es wartete erstmal ab. Und ließ alle drumrum auch warten, als >eigener Wille an sich<.
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Fortsetzung
