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Sâmua Nava, Teil 4

Fortsetzung

Herumwundernde

Geht es denn nun endlich mal richtig los?“, entwich irgendwem etwas. „Ich hoffe es, denn …“

In den Ausführungen seines Anfangs schwelgend, sponn ein Leitfaden seinen Weg entlang des großen Samantay, der Magistrale.

Dem Überalleshin-Weg.

Gleis des Lebens.

Natürlich auch Wegführweg.

Weg von hier.

Werweißwohin.

Er ist gleichsam eine Brücke über allem; über allem, was Welt ist.

Der Samantay nahm Ausschau haltend zwei Herumwundernde ins Visier.  Traf unvermeidlich auf zwei sphärische Wesen. Eins davon war solide und glänzend, ein vollkommener Hyalit. Eine gläserne Kugel, um genau zu sein. Noch genauer, eine Glasmurmel, pfirsichgroß, kristallen schillernd. Das andere Rundgebilde kam herangeflockt als schlichte Sprechblase aus Seifenschaum. Eine Seifenblase also,  mit stabiler Hülle, welche auf Druck beeindruckend verschwand. Und so wieder entstand. Glänzend auch sie, zudem perlmuttbunt schimmernd.

Beide ähnelten einander durch ihr Gleichgroßsein und – ihre Schwatzhaftigkeit.

Erzählten die doch miteinander, einander aus unsichtbaren Mündern unaufhörlich! Seifig blubbernd die Schaumblase und – ganz klar – gläsern klickernd die Murmel.

Man sprach schon seit geraumer Zeit von und über Zeit und Raum und was dazwischen so lag. Und drumrum so rumorte. Man sprach meist in leiser Weise.

Waren das zwei Weise, die beiden? Sie hielten sich zumindest dafür. Denn anscheinend handelte es sich um Klugkugeln, genauer gesagt: zwei neunmalkluge Kugeln.  Bisweilen zänkisch.

Neunmalklug? Wie recht Du hast, ich bin mindestens neunmal so klug wie Du!“

Das war einmal! Ich meine: Es war einmal,…“

Derart und ähnlich wollten sie erzählen, vorliebig Märchen.

Wollten sie. Mussten sie sogar. Ein Auftrag brannte!  Ein Märchen sollte unbedingt auf den Weg gebracht werden.  Und zwar bald. Aus eiligen Gründen…

Aber bald waren sie einander gar nicht mehr grün!

Und verflixt, es war nicht einfach, es war einfach nicht zu schaffen, denn: es kamen nur Anfänge heraus!  Es gelang den wunderweisen Kugeldichtern nicht, über den Anfang hinaus zu kommen:

Einmal! Was war denn einmal?“

Na ES!! ES war einmal.“

Einmal? Wieso nur EINMAL? Also sag schon: einmal, oder nicht doch lieber wenigstens – zweimal?“

Nun, wenn Du so fragst, ich würde sogar sagen: dreimal. Denn der Dinge sind stets drei. Das Eine, das Andere – und das Dazwischen. Alle drei sind gleichwertig…“

Da saßen also die Zwei am Vorweg, dem großen Überalleshin-Weg Samantay, der eigentlich der Weg des Mädchens war, auf das hier sehnlichst gewartet wurde. Des Mädchens, das immer noch irgendwo in der Zeit verschwunden blieb. Oder aus der Zeit?

Alles halb so wild. Kommt Rat kommt Zeit.  In naher Zeit wird sie hier ankommen. Um endlich abfahren zu können.“

Na weißt Du! Ankommen, um abzufahren. Wird das denn der Richtigkeit gerecht? Das Ankommen und Abfahren, das Erscheinen und wieder Verschwinden, das macht doch jeder immer mal!  Erst kommen wir an, und irgend wann ist es wieder Zeit, abzufahren.“

Bei ihr verhält es sich bisschen anders. Sie erscheint nicht, um zu verschwinden, sondern  zur Abfahrt, um an ihrem Lehrgang teilzunehmen. Pardon, an ihrer Lehrfahrt, oder sollten wir Lehrflug sagen? Du bist doch hier der Ausdrucksexperte! Hey, äußere dich!“

Äußern, äußern. Ich bin schon ganz außer mir. Besser sollten wir erst einmal ins Innere gehen, denn von dort kommt doch bekanntlich alles, worauf es ankommt. Die innere Einkehr hilft immer!“

Also, ab ins Innere. Aber auch das Innere des Außen! Ins Innere des urgroßen Waldes der Weisheit.  Dort wurde weiter ungeduldig ausgeharrt.

Die Hübsche lässt aber auch auf sich warten.“

Kein Wunder, ist die überhaupt schon geboren?“

Ein gewaltiger Schrecken fuhr den Kugelklugen durchs Gemüt.

Wie bitte??? Haben wir das etwa vergessen beim Märchenanfang? Na, da können wir lange warten! Jetzt wird es aber Zeit!“

Zeit. Zeit. Welche Zeit wird es denn, welche von den vielen Zeiten? Jetztzeit? Vorzeit? Nachttzeit? Tagzeit? Endzeit? Anfangszeit? Letztere wohl im Moment. Also fang schon an, erzähl, dass wir endlich erfahren, was es mit der Kleinen auf sich hat!“

Und die Seifenblase holte Luft, schwoll und hob an:

Es war einmal. Und es war einmalig! Unvergleichlich! So wie eben alles einmalig ist. Nichts auf dieser Welt gibt es zweimal. Und wenn es sich nur vom Ort seines Daseins unterscheidet und vom Zeitpunkt seines Geschehens, alles …“.  Geschehenes sei nicht wieder herholbar. Nur wiederholbar.

Beinahe wurde die Seifbläserne vom gläsernen Gähnen getilgt.  Du wiederholst Dich, Seiferchen. Das war Anfang Nummer tausendhundertweißnichtwas!  Wann geht das Märchen wirklich los?“

Wieder ein Luftholen, wieder ein Schwillen und Anheben.

Ist gut, ich versuch’s nochmal, aber es fällt mir so unsäglich schwer. Nun, gleichwohl, ich fange an:  Es war einmal. Es muss einmal gewesen sein. Es muss das einmal gegeben haben. Das, ohne das es alles andere nicht geben kann…

Ohne was?“

Ohne den Anfang allen Bewegens, besser: das Ende oder Aufhören der >Urruhe<!

Es hört nicht auf, verursacht auch Unruhe. Denn die Ursache lässt die Dinge aufgrund ihrer Bedingung bedingungslos ge- …“

Die von der feuchten Sprechkunst dunstbeschlagene Glaskugel kam ins Trudeln.

Weißt Du, liebe Seifenblase, alle Deine schönen Anfänge in Ehren, aber das wird nun allmählich zuviel! Wer soll das kapieren. Weißt Du überhaupt, was Du da verlautbaren lässt? Komm doch bitte auf den Punkt!“

Zum Donner! Ruhe! Gerade war ich dem ganz nahe, habe ich einen so perfekten Text geformt und Du machst alles wieder zunichte!! So werde ich nie fertig!“

Sag ich doch, sag ich doch! Sag ich immer: das wird so nie fertig!“

Tiefes Luftholen ließ die Seifenblase beachtlich umfangreicher werden, auch im wörtlichen Ausholen.

Also gut: Ich versuch’s von einer anderen Seite her nochmal.

Es war einmal.

Es war einmal dieses Zeitalter, welches es so noch nie gab, und auch niemals auch nur annähernd noch einmal so geben kann, da es bewiesen ist, dass…“

ZZZZZZZZZZZschschschsch.

Ein Zischen brachte die aufgeblasene Seifenkugel zum Erbeben und Verstummen. Denn da kam – quasi aus dem Nichts – ein unförmiges, spitzbübisches Riesenkerlchen rein zufällig über ‘n Drüberhin-Weg gefegt.

Ein gewisser Jemand war er nur, ein Quidam eben, doch ein berüchtigter surreal angehauchter Dichter. Kahlköpfig, von gedrungen pyknischer Statur eines vollgestopften Seesacks und auf groteske Art nicht so ganz fertig gebaut.

Kam ihm einer seiner nur schemenhaft anhaftenden Körperteile kurzzeitig abhanden, dann fiel er, und schlug Kabolz, verlor sich, fand sich aber gleich wieder. Und ausgerechnet dieser Geselle erzählte brummstimmig aus dem Bauch heraus seine Variante des Märchens:

Hier stehen wir am Überalleshin-Weg >Samantay<; und da ist er, der Eingang zum mächtigen Wald der Welten, der in sich und aus sich tief gründunkelsaftig strotzt. Aus wuchtigem Erdenrund. Mit der Zeit und den Elementen der Natur als Baumeister.

Jenem Eingang, der fleht, endlich einzutreten!

Versuchst Du das Erflehte aber, merkst Du, wie es schleichend immer schwerer wird, sogar unmöglich scheint, ihn zu passieren.

Diesen doch so einladenden, so ausladend weiten und breiten Eingang.

Es liegt am Denken, sagt man, es liegt am zuviel Abwägen, am Festhalten, am Nichtfließenlassenkönnen, am Zweifeln und am Hadern.

Nur, so kommt man niemals hinein in dies weite Paradies der Geborgenheit, der Sicherheit des Menschen in sich selbst, der es geschafft hat, diesen Wald endlich zu betreten und zu durchschreiten.

Abwerfen sollst Du alle Zweifelschranken und dann hinein mit Dir! Mit ehrfürchtigem Blick ins Saftgrün sollst Du nun einherstiefeln, unter jahrtausendalten riesigen Baumhirschen, die ihre hölzerne Geweihkronen als Wurzeln in den Himmel schlagen und die Höhe der Denktiefe versinnbildlichen:

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Fortsetzung

Sâmua Nava, Teil 3

Teil 3

Miraculum Habiti

Was das wohl war?

Ein Wunder, klar.

Das des Erscheinungsbildes gar!

Ganz klipp und klar kam Letzteres nah,

wie Sâmua am besten zu beschreiben war:

Eindeutig vermochte sie, eigentlich Uneinbares in sich zu einen.Unbeabsichtigt. Gleichsam von selbst.

Dass dieses Miraculum natürlich allen Neugeborenen einwohne, hieß es. Dadurch seien sie so unwiderstehlich, zauberhaft und wonnig, hieß es.

Da sie sich noch nicht verstellen, sondern echt sind und geschickt, Liebe zu mehren, wies es hin.

So bildete unser Mädchen aus Gegensätzen den Kreis einer rund laufenden Harmonie. Bunt gewürfelt traten Attribute neben- und ineinander auf. Zart und heftig, klein und kräftig, mutig und smart? Lieblich süß, fordernd hart?

Das begann mit dem schon reichlich vorhandenen schwarzen Haar. Drahten kringelige Borste wucherte und sollte sich später gegen jeden Bändigungsversuch sträuben. Nun, immerhin glänzte das Gekräusel – in Schwarzperlmutt! Dazu die schimmernde Samthaut, ein Schmuck!

Die Eltern waren froh. Doch auch darüber, die Niederkunft hinter sich zu haben. Sie bauten mit Inbrunst alle Freude aus, die schon seit den ersten untrüglichen Zeichen der Schwangerschaft wuchs und wucherte.

Wie leicht, ganz “Mama und Papa” zu sein. Trotz manch wacher Nacht. Sie kamen edlen Pflichten nach und Sâmua, die Winzige, erblühte. Trank Tauperlen Leben! Kostbarkeiten! Und war fürderhin kosbar und beschmusbar. Und bewundert.

So nahm ‘s nicht Wunder, dass…

das erquickliche Ereignis eilig Runde machte:

Ein wichtiges, richtiges, perlmuttsichtiges Buntkind“, kommentierte und gratulierte es von nah und fern. Denn in der ganzen waldumwülsteten Siedlung ging die Kunde um von der Ankunft des Kindes.

Mit zweifarbigen Augen sei‘s ausgestattet. Welche ganz genau von jedermann in Augenschein genommen wurden. Du liebe Zeit! Das sei nicht alltäglich!

Ozeantürkis sei das.

Getupft noch dazu.

Amethysten meliert!

Es flimmere, changiere, es irisiere die Iris. Und aus der Pupille sehe man eine Fackel flackern!

Wie ein irrwirres, winkendes Fanal in der Nacht.

Zum effektvollen Funkeln wie geschaffen. Das Baby übte das anscheinend schon, ach was, es konnte das!

Was alle in Bann zog. Ein Schaudern kroch darob quer durch die begutachtend besuchende Dorfschaft.

Dass das womöglich eine seltene Krankheit sei, wähnten die wohl Neidvollen.

Dass es ein allgemein übliches Wunder sei, erwogen die Wohlwollenden. Dass man das wahre Wunder aber zu verbergen suche, argwöhnten die, nach deren Auffassung der Wunderumfang zu gering geraten war.

Dass das sich vielleicht noch verlöre, und man das Kind erst mal wachsen lassen solle, rieten die Dorfältesten.

Und dass man sich sowieso noch wundern werde, meinten alle insgeheim.

Nicht ganz zu Unrecht.

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Fortsetzung folgt.

Teil 1 und 2 siehe unten.


Sâmua Nava, Teil 2

Teil 2

Miraculum

Nachmittag war ‘s am nächsten Tag

und inmitten von Wehenbergen war die Mutter schön entkräftet, der Vater schön erschöpft, alle Wartenden schon ungehalten.

Was man davon nun halten solle, grimmelte es zu Dorfen.

Als ob das Kind allzeit drin bleiben wolle, “ grollbrummte die arme alte Hebamme vor sich hin. Nach der wiederholtesten aller wiederholten Untersuchungen an der armen jungen Niederkommenden.

Da kommt nichts!“

Dieses zaghafte Mademoisellchen ließ sich Muße:

Hei, da könnt Ihr lange warten! Ich bleib in meiner Grube, in meiner weichen Stube! Im Tempelherz, dem zarten. Und lass das Draußen.

Ich bleibe lieber, am liebsten bliebe … doch – WAS IST JETZT? Irgend etwas ist plötzlich anders, und etwas drängt und zieht mich jetzt, auweh, mit aller Kraft. Ob die Welt mich da zieht? Wohl schon! Ja, genau! Dieses Augenblickchen, das ist mein! Mein in sich unveränderlicher, unvergleichbarer Fingerabdruck auf der Weltoberfläche. Mein Zeitpunkt, um heraus zu kommen.“

So bequemte sich das Fräulein endlich, sich gebären zu lassen. Ohne Willkommens-Spektakel aus den Himmeln.

Dafür spektakelte es selbst, wie es sich gehörte, kaum auf der Welt, mit hellem, klarem Unüberhörbarem.

Fand es, scheint‘s, unerhört – so aus ihrer wohligen Wonne gerupft zu werden.

Nun ergoss sich schräg durch das Fenstereck Frühabendgold über das glanzfrische Gesichtchen des stolzen Schreihalses, erhaschte die Äuglein und legte Flammenirrnis hinein. Wundersam, selten zu sehen, wirr zittrig und blitzig.

Wenn es so hell ist, bin ich endgültig draußen, mittendrinnen in der Welt als deren Teil…“

Deren immer kräftiger krähender Teil, rebellierend, gierend.

Wo gibt‘s was zu essen? Wo gibt‘s Wärme? Mir viel zu kalt hier. Ich glaube, ich wollte doch nicht hinaus! – Gebt mich zurück. Wieder hinein, ich habe es mir anders überlegt! Gebt mich ihr meiner Hülle und meiner Höhle wieder!“

Vergebens. Keiner hat ein Ohr für solche Bitten.

Die verstehen mich gar nicht. Man kullert mich hin und her. Als ein Einzelstück. Abgeschnitten, entbunden vom Zuhause werde ich, und zum Ganzen in sich. Ein frisches Nochnichtganzaberschonfast-Selbst. Also gut, ich gebe mich Euch, ich bin da!“

Sâmua wurde und war der Name des Kleinstkindes der Jungeltern Myranda und Handa Nava, leib- und geisthaftig höchst lebhaft zugange und wohnhaft zu Bärlöblumünd, einem dorfgroßen Kleinststädtchen. Am jadefarbenen Fluss Neagaron und nahe dem linden Grünsee gelegen.

Sâmua hieß sie, wie nämlich schon bei der Empfängnis Kind samt Namen eingeschenkt wurde. Gebunden an die Gewissheit, dass Sâmua etwas Mystisches in und an sich tragen würde, das bis dato weniger bekannte >Miraculum Habiti<.

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Fortsetzung folgt. Anfang siehe unten.

Sâmua Nava, Teil 1

Ab 01.01.2011 Vorabdruck in Teilen, in loser Reihenfolge:

Roman von Sophie Gabriel

Sâmua Nava

Sinnlich-surreale Märchen-Message an Erwachsene

Teil 1

Renaissantesque

Mittag war‘s.

Es war einmal, geträumt oder real, eine liebe Seelenrose, ein Mädchen der offenen, hoffenden Zeit.

Die vor ihr lag wie Meer.

Und die Sonne stand im Zenit. Und Sâmua schattenlos im Glutsand.

Perlmutten schimmernd die Haut, voller kleiner dunkler Perlen im ebenholzschwarzen Haar. Ihre Augen hellwach, konzentriert, scharf blitzend in türkis.

Sie atmete laue meerweite Brise und tänzelte ein bisschen, denn der Boden war glühend heiß an ihren nackten Füßen. Diese Tatsache konnte hilfreich sein bei der Entscheidung.

Wo sie doch immer noch so unschlüssig war!

Sollte, konnte sie hier bleiben?

Sie bemerkte, wie das Meer zwischen den beiden Rotsandsteinsäulen aufs Trockene hereinzüngelte, als wollte es Bodenstaub lecken, etwas mitnehmen vom Land. Und es brachte abermals etwas mit.

Diesmal ein zierliches gläsernes Boot, das vor ihrer Nase lustig schaukelte und im Meerschaum plätscherte.

Sâmua hob den Fuß und setzte ihn in das vollkommen transparente Etwas. Diese klare Kühle an Zehen und Ballen, die Glätte und sanftes Wiegen taten äußerst wohl. Zumal der lupenhaft vergrößerte Zublick auf die Unterwasserwelt, eine lockende Schau!

Schon wollte sie den anderen Fuß ins Gefährt nachziehen, als ihr wieder die Bedenken in den Kopf schossen: Stürme, Wogen, Kälte, große Meerestiere, gar Piraten oder sonstiges Unbill, damit musste Sâmua rechnen, falls sie solch ungesichertes Reisen wagte.

Doch hier?

Sie sah sich um: Sandwüste, baufällige Gemäuer, Glühstürme, Dürre, ein so gut wie verlorener Kampf ums Leben, vor allem ihr eigenes.

Zwar war das blinde Gewohnheit geworden, alles, eben auch das Gnadenlose, alles Piesacken, alles Bittere, alles war ihr verdammt vertraut.

Aber – deshalb in Staub und Asche weitermachen? Nur weil es immer so war?

Nein. Schluss. Weg hier. Jetzt.

Sie ließ sich ins Boot gleiten, stieß ab und war sofort in taumelnder Bewegung.

Lieber hinsetzen,“ dachte sie und die schmeichelnde Erfrischung an Po und Beinen war so gut, dass sie sich auf den Bauch legte, um ihn zu kühlen und zugleich unter sich in die fremde farbenreiche Landschaft der Welt des Ozeans sehen zu können.

Selbst in schon beachtlicher Tiefe war das Wasser noch glasklar und bot gestochen scharf seinen Schatz an üppiger Wesensvielfalt zur Betrachtung dar: bunten Grund, mit Korallen und blumigen Quallen, mit Fischen, Kraken, Anemonen, und so fort. Alles in Szene, teils schwebend teils zuckend teils regungslos.

Sâmua schaute und staunte, bis ihr die Lider schwer wurden. Sie lächelte in sich hinein.

Vom Beginn zu träumen, wünsch ich mir!“

Als eine Stimme halb flüsternd fragte: „Als Anfängerin, oder Anfangende?“, war sie schon eingedöst.

Und während das Bötchen schwankte und auf den Wogen glitt, sank das Perlmuttmädchen in einen satten Schlaf, satt an wirrem Geträum und selten erlebten Tiefen.

Indes war Nacht geworden.

Nicht zappendustere jedoch, sondern dunkel funkelnde Prachtnacht. Worüber Sâmua nicht wenig erschrak beim Erwachen.

Immer noch oder wieder bäuchlings ausgestreckt, sah sie unter sich statt Seetiervariationen und Korallenoptik nur brillanten blinkende Pünktchen. Und die waren nicht nur unten, auch um sie herum und über ihr. War sie doch gleichsam inmitten von – Sternen! Die im Wasser waren das Spiegelbild des Sternenhimmels über ihr, oder um sie herum?

Irrtum! Bei genauem Betrachten wurde sie gewahr, dass sie mit ihrer Glasdschunke hinaus bis ins Weltall geglitten sein musste.

Dass das ja nur noch geträumt sein könne, war sich Sâmua sicher und schloss die Lider wieder.

Eine neue Sequenz erschien ihr. Völlig andere Gegend, anderes Klima, andere Stimmung:

In knirschender Januarkälte drückten sich am Eingang zu einem langbäumigen Allstadtwald ein paar niedrige, dickbuckelige Backsteinhäuschen aneinander warm.

Eines davon bewohnten Frischvermählte. Der Hausherr war gerade beim Holznachholen, als ihm eine perlmuttfarbene, dicke Schneeflocke auf der Nasenspitze landete.

Er beobachtete schielend den Tauprozess, da rief es lockend aus dem Haus. Die blühglühende Braut schlug vor, ihren eindringlichen Eingebungen zu gehorchen. Etwas ließe sich hören, orakelte sie.

Sie habe ein Geschenk zu empfangen, versprach es.

Aber nur, wenn sie schleunigst „ihren Gatten ins Gemach führen würde“, hieß es.

Um ihre kostbaren Ingredienzen mit den seinen verschmelzen zu lassen“, gebot es.

Und Frau und Mann verfielen dem Bann, der bewirkte, dass allem allzu gern Folge geleistet wurde.

Und, kaum ineinander bewegt was zueinander gehört, gipfelte sich Verzück in Erfolg.

Der recht regsam lebendig zu pulsen begann.

Ein Neugeschöpf! Aus Miteinander!

*

Mitternacht war ‘s

Als das kostbar befrachtete Meeresmobil – gelandet, oder gestrandet – angekommen war, in nie gesehenem Weichland. Sammetrot und feuchtsüß. Und wurde selbst so weich, dass es sich einfach auflöste.

Als die weitgereiste hübsche Perle davon erwachte, war sie entzückt von ihrer Umgebung, vermisste ihr Reisebehältnis nicht im geringsten. Und wusste, dass alles neu und anders, dass auch sie ganz neu war. So rundum frei! Und gleichzeitig in gänzlicher Geborgenheit.

Das war nur seltsam, komisch – kosmisch eben!

Sie versuchte, sich einen Reim zu machen auf all das. Bloß in seltsamem Gesäusel kräuselten und äußerten sich ihre Gedanken. Was spukte da im Bewusstsein? Was spuckte das Hirn da aus? Kam das überhaupt aus dem Kopfhirn, oder gar dem Bauch?

Ich komme aus dem Meer, aus dem Traum, aus dem All?

Bin aus Salz, aus Wasser, aus Kristall?

In dieser gnadenvollen Ungekanntheit genieße ich

Geborgenheit im Dunkeln,

erhabenen Schutz durch Kleinsein.

Im dunklen wogigen Weich einer Perlmuttermuschel, königlich!

Werde gewiegt und bin gewärmt!

Wie wohl mir zumute ist! Quietschen möcht ich!

Hier bleibe ich! —“

Nun, ein dreiviertel Jahr durfte die Bewohnerin das auch. Raum war zwar stetig enger, aber sie war bescheiden. Wollte nur langmöglichst auskosten, inwändig zu sein. Kam gar nicht auf die Idee, mal hinaus zu müssen, oder?

Noch bin ich hier in dieser kuscheligen Kuhle … noch! Von draußen quellen Töne herein. Mein Name taucht plötzlich öfter auf; es gibt mich nicht mehr nur für mich, auch für Euch! Ihr werdet mich kennen, werdet mich sehen.

Irgend etwas drängt und drängelt, mich zu zeigen.

Ich muss dieses vertraute Plätzchen, diese heimelige Höhle nun bald verlassen, werde bereits erwartet.“

Herbst war es noch nicht richtig, Sommer nicht mehr ganz, als sich am Ende des schwülen Nachmittags ein unausweichliches Ereignis ankündigte. Das Gewitter kam, nach langer Dürre, wie stets ohne Geduld aus der Ferne herangeraunt und herbeigekeucht. Ohne Rücksicht auf die, die sich vor ihm ängstigten.

Mit so ziemlich allen Wettereien, die ihr zur Verfügung standen, sprach Mutter Natur in die vermeintliche Sicherheit der Irdischen ein markerschütterndes Machtwort. Als werde zurecht gerückt, wer das wahre Sagen hat und stets behalten wird.

Donnertrommeln polterten mit einer machtschweren Würde, die jedem Wesen Respekt abforderte.

Wissend, was sich ziemte, hieß es,  Unwettereien seien zu achten. Von Tieren und Menschen, selbst den Pflanzen, so den  Blumen , welche ihre Kelche schutzbeflissen schlossen, wie es sich gehörte.

Verharren, das Tun ruhen lassen, warten. Ganz still halten. Wer wollte, durfte um Gnade bitten. Alles andere sollte vermieden werden.

Und da! Gleißend grelle Blitzadern mäanderten zuckend über die ehrfürchtig harrende Welt, als bei der werdenden Mutter erste Wehen einsetzten. Sie krümmte sich und hoffte. Schaffte schwer, schnaufte und troff vor Hitze. Doch das Kindlein hatte Zeit.

Welch Erlösung brachte da wenigstens draußen ein üppiger, ersehnter Wolkenerguss. Große schwere Regenfäden tränkten ergiebig Erde, Stein, Sand und Grün. Benetzten, durchnässten und durchweichten plätschernd mit lustvoller Inbesitznahme alles sich Darbietende.

Tropfentanz gluckste auf den ebenen, eben gerade noch staubig gewesenen Flächen.

Verdurstende Erde wurde reich getränkt, erquickt, schwammig triefend lehmschmierig eingefeuchtet, bis sie zu duften begann.

Am nahegelegenen Grünsee hieben die wassertragenden Winde tobend die Wellen ineinander. Sturm und Regen trieben ein Spiel, maßen einander im regellosen Kampf. Wer wohl wen womit peitschte?

*

Schließlich wurde das schwere Sturmschnauben sanfter. Kalter Nachgeruch hing in der Luft, klamm, schon fast ein wenig wie Herbsthauch.

Von getaner Arbeit entkräftet, verzog sich die ausgewitterte Gewölkschaft tropfenden, na eher fließenden Gewandes und mit letztem Grummeln und Hüsteln dahin.

Und gemäß der Naturmoral erleuchtete jetzt dort, von wo vorhin das finstere Ungetüm gekommen war, schon wieder ein Aufatmen aus Sonnenschein das gewaschene Land. Wie ein erstes Wiederlächeln auf noch tränennassen Gesicht.

Das kindliche Wettergesicht sich selbst tröstender, liebender Natur. Eben noch rücksichtslos “böse” das Erdbild zerschrubbt, schmeichelte sie jetzt den Sinnen!

Was sie auch tut: Sie kann ja nicht anders! Unsere Natur ergeht sich einfach nur in sich. Gerät auch außer sich, eben durch auswirkende Ursachen. Und kann zudem – oder dadurch – äußerst pittoreske Bühnenbilder erschaffen. Hier zum Beispiel, für den großen Auftritt des erwarteten Kindes, überbot sich die naturne Künstlerin: Fügte zu, gab hin, nahm weg, legte nach, und setzte gewagt einen Effekt nach dem andern ein:

Ein Nebelzelt in Perlmutt! Denn Dampf aus benetzten Ackerböden, Lehmfeldern, Pflanzenreichen und noch sommerwarmen Steinen erhob sich: zum sonnendurchwirkten Dunsttuch.

Welchem darauf Regenbögen entstiegen, einer über dem anderen. Sie spannten sich krönend über die ganze, in Schleier gebettete Szene.

Die wetterne Requisite hatte scheinbar alles auszupacken, was sie fand.

Nun fehlte nur, dass es noch schneite! Und selbst das geschah!

Immerhin war früher Herbst.

Aber ein Erschaudern bot sich dem, der den Schlussakt des Glanzstückes betrachten und wahrnehmen durfte:

Pulvriger, aquamarinfarbener Schnee begann, alle Formen brillantstauben schimmernd zu kontrastieren. Das unwirklich wirkende Szenario eines Frühherbstdraußens vollendend.

Und das Baby? Das zeigte sich vom Theater der Wetterdarsteller unbeeindruckt. Es wartete erstmal ab. Und ließ alle drumrum auch warten, als >eigener Wille an sich<.

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Fortsetzung

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